Eulenspiegel

stadtnarr

Wie Eulenspiegel zu Magdeburg von der Ratslaube fliegen wollte

Eulenspiegel kam gen Magdeburg und trieb viele Possen, und sein Name ward davon erst recht bekannt. Da ward er gebeten von den besten Bürgern der Stadt, dass er etwas Abenteuerliches treiben sollte. Da sagte er, das wollte er tun und wollte auf das Rathaus gehen und von der Dachlaube fliegen. Da ward ein Geschrei in der ganzen Stadt, dass sich jung und alt auf dem Markte sammelte und sehen wollte, wie er flöge. Also stand Eulenspiegel auf der Laube vor dem Rathaus und bewegte die Arme und gebarte sich geradezu, als ob er fliegen wollte. Die Leute standen und sperrten Augen und Mäuler auf und meinten nichts anders, als dass er fliegen würde.

Da fing Eulenspiegel an zu lachen und sprach: „Ich meinte es wäre kein Tor oder Narr weiter in der Welt als ich, doch seh‘ ich wohl, dass hier schier die ganze Stadt voll Toren ist. Und wenn ihr mir allzusammen gesagt hättet, dass ihr fliegen wolltet, ich hätt‘ es nicht geglaubt und ihr glaubtet mir als einem Toren. Wie sollt‘ ich fliegen können? Ich bin doch weder Gans noch Vogel, habe auch keinen Fittich, und ohne Fittich und Federn kann niemand fliegen. Nun sehet ihr offenbar, dass es erlogen war.“ Und er lief von der Laube und ließ das Volk stehen, einen Teil fluchend, einen Teil lachend.
Und sie sagten: Das ist ein Schalksnarr, und doch hat er die Wahrheit gesagt.“